Blume des Lebens Kulturhotels
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Neue Zürcher Zeitung, 30. 09.2004

Wenn es draussen stürmt, mögen Gäste Kultur zum Tee. Am Anfang war die Hotelbar. Nett, aber immer dasselbe und eigentlich nicht das, was sich Annemarie Mühlemann unter einem gemütlichen Abend vorstellte. Da hatte sie, eine Frau von 58 Jahren und ab und zu alleine auf Reisen, eine Idee. Lesungen müsste es geben in Hotels, ein kulturelles Bettmümpfeli für Hotelgäste, Geschichten zum Nachdenken und zum Lachen, eine Alternative zu Ausgang und Bar. Mühlemann, eine Frau der Taten, sprach im «Beatus» in Merligen vor, einem Hotel mit vier Sternen, wenige Minuten von ihrem Haus entfernt. Man kam ins Verhandeln, skizzierte den möglichen Ablauf, jeder Schriftsteller eine Woche im Hotel, winters, fast jeden Abend eine Lesung. Das war vor drei Jahren.

 

«Die Mohrin»

Montagabend Ende Februar, draussen geht ein eisiger Wind, Lukas Hartmann sitzt in einem Ohrensessel, die Beine übereinander geschlagen, in den Händen ein Mäppchen mit Geschriebenem. «Durch diesen Text», sagt er, «lernen Sie mich kennen: ‹Auf Goldmunds Spuren›.»

Hartmann spricht von Hesses Werk, dem er sich einst wie einem Rausch hingegeben habe, von den Gefühlen eines jungen Menschen, von einer Reise mit Freunden. Auf dem Salontisch steht eine Karaffe mit Wasser, daneben ein Glas, am Boden Amaryllis in hohen Vasen. Heute ist Literaturabend im Hotel Beatus, «After Eight»-Geschichten. Nach der ersten Saison in Merligen sah Annemarie Mühlemann, dass Lesungen im Hotel Anklang fanden. Sie begann nach weiteren Hotels zu suchen, knüpfte Kontakte, präsentierte ihre Idee. Und ging dabei stets gleich vor. Sie schaute sich die Hotels im Internet an, führte bei Gefallen ein Telefongespräch mit der Direktion und besuchte schliesslich, wenn man sich näherkam, das Hotel persönlich. Wichtigstes Kriterium bei der Auswahl ist die Lage, denn Lesungen in Hotels funktionieren nur dort, wo Gäste Ruhe und Erholung suchen, dort, wo nicht gleich das Ausgehangebot einer Grossstadt vor der Tür liegt. Und meistens sei die Klientel älter als vierzig. «Die Mohrin». Nun schlägt Lukas Hartmann seinen Roman auf, liest von Hauptmann von Wyttenbach, der einst auf der Insel Saint-Domingue eine Sklavin freikaufte, die Mohrin, sie auf seinen Herrensitz in der Nähe von Bern brachte und dort als Dienerin und Geliebte hielt. Der Saal im Hotel Beatus ist voll, die Gäste sitzen an Tischen, lauschen, nippen an Teetassen. Auf der Fensterbank stehen Windlichter, auf den Tischen Rosen, daneben Schokolade auf Tortenpapier. Ein Kellner huscht vorbei, aus dem Nebenzimmer dringt gedämpftes Klavierspiel. «Heutzutage reichen eine gute Küche und ein gepflegter Service nicht mehr», sagt Peter Mennig, Direktor des Hotels Beatus in Merligen, «man muss sich als Hotel mit seinem Angebot abheben.» Die Literaturabende seien eine ausgezeichnete Möglichkeit, das Hotel zu beleben. Die kulturellen Abende fänden grosse Resonanz bei den Gästen. In unserer mehr und mehr technisierten Welt werde das Besinnliche, das Erlebnis von Mensch zu Mensch wieder wichtig. Ist ein geeignetes Hotel gefunden, wendet sich Annemarie Mühlemann den Schriftstellern zu. Sie möchte Vielfältiges anbieten, Bestseller und Unbekannte, Schweizer, Deutsche und andere. Mühlemann liest neue Bücher, wann immer sie kann, besucht Lesungen und Literaturtage, setzt sich mit Verlagen in Verbindung. Für diesen Winter haben Autoren wie Ulrich Knellwolf, Adolf Muschg und E. W. Heine zugesagt, Autorinnen wie Federica de Cesco,

Therese Bichsel und Dagmar von Gersdorff. Neuerdings werden die Lesungen auch von Musik begleitet. In der Belle Epoque habe die Kultur eines Ortes in den Gasthäusern stattgefunden, sagt Annemarie Mühlemann. «Es ist ein alter Traum von mir, diese Salonkultur wieder aufleben zu lassen.» Die Hotelgäste applaudieren, Lukas Hartmann lächelt, nickt, legt «Die Mohrin» beiseite und greift nach einem Manuskript: sein neuer Roman, Erscheinungsdatum Frühling 2005. Eine Frau flüstert ihrem Mann etwas zu, jemand hustet, Hartmann räuspert sich, beginnt zu lesen. Nun kehrt wieder Ruhe ein. Hotels in Adelboden, Arosa, Bad Ragaz, Merligen und Pontresina bieten in dieser Wintersaison Literaturabende an, ab Dezember erstmals auch eines in Teneriffa, alle mit vier Sternen, eines mit drei. Vielerorts habe man gute Erfahrungen gemacht und starte bereits in die zweite Saison. Doch es klappe nicht überall. Es gebe auch Hotels, wo die Lesungen weniger Anklang fänden. Mancherorts werde der Saal ungünstig ausgewählt oder die Zeit unpassend angesetzt.

 

Dîners littéraires

Annemarie Mühlemann versucht, Misserfolgen vorzubeugen. «Ich schaue mir jedes Hotel an, achte auf die Atmosphäre, den Service und die Kundschaft.» Mögliche Orte für die Lesungen würden mit der Direktion ausgewählt. «Erst wenn ich wirklich das Gefühl habe, die Literatur wird angemessen und mit Freude ins Hotelprogramm aufgenommen, sage ich zu.» Kommt es zu einem Vertrag, bringt das Annemarie Mühlemann ein kleines Honorar ein und dem Schriftsteller einen Aufenthalt im Hotel. Das Hotel wiederum erfreut sich eines besseren Umsatzes, denn die meisten Betriebe bieten zusätzlich Dîners littéraires für Auswärtige an, ein Nachtessen mit anschliessender Lesung zu einem Pauschalpreis. Dann gibt es noch einen Vierten im Bunde, die Buchhandlung. Annemarie Mühlemann nimmt Kontakt mit den Buchhändlern vor Ort auf, unterbreitet ihnen das Programm und schlägt vor, zur jeweiligen Zeit einen passenden Büchertisch bereitzuhalten. «Wie kommen Sie zu den Themen Ihrer Romane?», fragt jetzt eine Zuhörerin. Die kleinen Geschichten seien es, die ihn interessierten, sagt Lukas Hartmann, jene, die einen historischen Hintergrund hätten. Der Schriftsteller hat Blätter und Bücher zur Seite gelegt und sich ganz dem Publikum zugewandt. Er spricht vom Schreiben als Beruf, von der Lust am Recherchieren, von der Notwendigkeit geregelter Arbeitszeiten. Mühlemann sitzt an einem der hintersten Tische. Ist sie nicht unterwegs, besucht sie nahezu jede Lesung im Hotel ihrer Nachbarschaft. Es sei ihr ein Vergnügen, sagt sie, zu sehen, wie die Idee, die sie einst gehabt habe, zu einem festen Bestandteil des Programms geworden sei. Daneben geht ihre Arbeit weiter. Die Suche nach schönen Hotels,nach interessanten Schriftstellern, die Reisen, die Lesungen, die Verhandlungen. Die gelernte Telefonistin und ehemalige Ankleiderin im Berner Stadttheater mag ihre neue Arbeit. Weil sie ihr Kontakte zu Menschen ermögliche und sie dabei Hotelbetriebe kennen lerne, «jeder wie eine Insel, wie eine eigene kleine Welt». Nur einen Wunsch hätte sie noch: ein Hotel im Tessin zu finden.

Regula Tanner