Blume des Lebens Kulturhotels
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Berner Zeitung, 17.02.2010

Von Thomas Kobel. Aktualisiert am 17.02.2010


«Ig ha eifach aagfange»: So beschreibt Annemarie Mühlemann, wie sie mit über 50 begann, sich einen Namen in der Literaturszene zu machen. Sie organisiert etwas andere Lesungen – und ihre Ideen sind längst noch nicht versiegt.

Sigriswil

Es war einfach Zeit für etwas Neues. Damals, vor 14 Jahren, machte Annemarie Mühlemann ein grosses Fest. Es gab einiges zu feiern: Den 50.Geburtstag, den 30.Hochzeitstag, und die Kinder wurden (fast) 30 respektive 20 Jahre alt. Mühlemann stellte eine Feier mit Musik, Tanz und einem Märchenerzähler auf die Beine. «Das gefiel mir, und ich wusste: Jetzt mache ich etwas anderes», erzählt sie. Den Teilzeitjob als Telefonistin gab sie auf. Im Botanischen Garten (BoGa) in Bern begann sie, Vorstellungen mit Märchen und Musik für Kinder zu organisieren, notabene auf eigene Rechnung. An Begegnungsfesten im BoGa kombinierte sie Appenzeller mit ungarischer Musik – «die beiden sind sehr verwandt» – oder Alphörner mit tibetischen Hörnern. «Es hat mir Spass gemacht, Dinge zusammenzubringen.»

Diese Fähigkeit begann sie immer mehr auszuspielen. An einem langweiligen Abend in einem Hotel kam ihr die Idee, dass es doch toll wäre, in schönem Ambiente Lesungen zu organisieren. Sie war eine völlige Quereinsteigerin: «Ich hatte seit Jahren kaum mehr Belletristik gelesen. Ich habe einfach angefangen», blickt sie zurück. Sie kontaktierte den Direktor des Fünfsternebetriebs «Beatus» in Merligen am Thunersee, wo sie inzwischen wohnte, und der war begeistert. Auch die meisten Verlage unterstützten sie bei ihrem Vorhaben. Ein Programm kam zu Stande, und heuer gingen die «After-Eight-Geschichten» schon in die achte Saison. Neben dem «Beatus» programmiert Mühlemann inzwischen Lesungen für rund zehn Hotels, von der Lenzerheide über Arosa bis nach Teneriffa.

Immer neue Ideen

Schon in der zweiten Saison begann Mühlemann, für die Lesungen Schriftsteller mit Musikerinnen zusammenzubringen. So wurden die Abende abwechslungsreicher. Mittlerweile treten auch Schauspieler, Comedians oder Erzähler auf. In einem Hotel logieren vier Schriftsteller zur gleichen Zeit und schreiben eine Woche lang je einen Krimi, der im Hotel spielt, und lesen ihn am Ende vor. In einem anderen finden neben Auftritten Workshops und Gesprächsrunden statt. Und für nächste Saison schwebt ihr schon eine Art philosophischer Zirkel vor, der sich «den wesentlichen, den alten Fragen des Lebens» annimmt.

Diese Themenspanne ist möglich, weil das Konzept flexibel ist, flexibel sein muss. «Jedes Hotel ist verschieden, hat eine andere Atmosphäre, ist eine Insel für sich», sagt Annemarie Mühlemann. Deshalb nimmt sie auch nicht jeden Betrieb auf. «Die Leitung muss der Lesung Platz und Wichtigkeit einräumen. Wenn sie verschämt im Nachmittagsprogramm platziert ist, funktioniert es nicht», hat sie die Erfahrung gemacht. Es brauche einen Ort ohne Hektik mit einem Publikum, das Zeit mitbringe.

Aufenthalt als Lohn

Zeit bringen auch die Auftretenden mit: Im Gegensatz zu anderen Orten bleiben die Schriftstellerinnen und Musiker ein paar Tage und lesen an drei verschiedenen Abenden. Das ist für viele Grund genug, mitzumachen: Sie bekommen nämlich kein Honorar, dürfen sich aber mit Partnern ein paar Tage im Hotel verwöhnen lassen. Und die Gäste haben beim Spaziergang im Park oder am Frühstücksbuffet die Chance, auf Lukas Hartmann zu treffen, oder auf Pedro Lenz, Milena Moser, Federica de Cesco, Ingrid Noll. Mühlemann kennt sie fast alle, und jetzt, wo sich ihr Name herumgesprochen hat, bekommt sie manchmal mehr Anfragen von Schriftstellern, als sie Plätze in Hotels hat.

Obschon sich ihre Idee inzwischen zu einem 80-Prozent-Pensum ausgewachsen hat, macht Annemarie Mühlemann damit nicht das grosse Geld. Für die Programmierung bekommt sie eine Pauschale, die reicht, um Bürokosten und sonstige Spesen zu decken. Wann immer möglich, geht sie dafür selbst an die Lesungen und geniesst es, in den luxuriösen Hotels beherbergt zu werden. Die Lesungen in schönem Ambiente erinnern an die alten Literatursalons, die ihr einst als Vorbild dienten. «Ich mache alles mit Freude», sagt sie, und ihr Strahlen, ihre Stimme und der Körper drücken das noch viel deutlicher aus als die Worte. Wenn sie die Freude nicht mehr hätte, würde sie aufhören, sagt sie. «Ich habe mit keinem Hotel einen Vertrag. Es basiert alles auf Vertrauen.»

«Ausgesetzte» Bücher

«Das wäre ja auch gut», sagt Mühlemann zur Möglichkeit, dass irgendwann alles fertig sein könnte. Loslassen scheint eine ihrer Stärken zu sein. So gibt sie auch die Bücher nach dem Lesen weiter. Deshalb freut sie sich auch gar nicht besonders über Widmungen, weil man die Bände dann schlechter weggeben kann. Sie tut es trotzdem. «Eine Zeit lange habe ich Bücher sogar absichtlich ausgesetzt: Ich habe sie im Zug liegen lassen mit einer Notiz, dass sie lesen und weitergeben möge, wer sie finde.»

Wie es für Frauen der Babyboomer-Jahrgänge typisch sei, die zum ersten Mal ohne Sorgen um Geld und Gesundheit älter würden und nach den Kindern wieder viel Kapazität hätten, habe auch sie noch einmal etwas völlig Neues angepackt, sinniert Mühlemann. Auch sie hatte dem Geist der 68er nachgelebt: Sie zog mit ihrem Mann auf einen abgelegenen Hof im Emmental, lebte grösstenteils selbstversorgend mit Esel, Schafen und Hühnern und stellte selber Filz und Salben her. Jetzt erstreckt sich, wenn sie nicht gerade in noblen Hotels logiert, der Thunersee vor ihrem Wohnzimmerfenster, sie ist in der Literaturszene bestens vernetzt – und auch dieses Leben gefällt ihr ausserordentlich. Doch einen Wunsch hat sie, und der richtet sich an ihr Publikum: «Seid ein bisschen neugieriger – kommt nicht immer nur bei denen, die schon bekannt sind. Es wird sich lohnen!» Für sie hat es sich jedenfalls schon längst gelohnt.

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